Festivalutopie

Ich sitze gerade in einem Bus, der mich nach Hause bringen soll. Was und wo mein Zuhause eigentlich ist, weiß ich nicht. Doch das ist eine andere Frage.
Meine Augen sind mit einem feuchtem Film überzogen. Auf der Toilette sind ein paar Tränen heraus geflossen. Ich glaube, ich könnte weinen, wenn ich den Raum dazu hätte.
Körper und Geist fühlen sich leicht an.
Eine Hand umfässt meine Eingeweide und drückt zu und der Binder, der mir sonst durch seine feste Umarmung Sicherheit gibt, schnürt mir Brustkorb und Luft ab.
Ich fühle mich mir selbst so nah, dass es befremdlich ist.
Die letzten Tage waren angefüllt mit Musik, Stimmen, Perspektiven und Meinungen, mit Zuhören, viel Reden, Schweigen und Lachen, mit Bestürzung, Freude, Wieder-(ER)Kennen und (Un)Verständnis, mit Kritik, Lob, Respekt und Debatte, mit voll-dabei-sein, konsumieren, nur zugucken und sich Rausziehen, mit Wohlfühlen, unangenehme-Themen-aufarbeiten, Szeneinternem und Szeneexternem, mit Empowerment, Queer, Feminismus, Antirassismus, Anti-Ableismus und Definitionsmacht. Mit Leuten-nah-sein und allein-sein-und-nachdenken-wollen.
Ich bin müde und erschöpft und mag die Augen schließen.
Wir sind der Utopie ein ganzes Stück näher gekommen; und damit ordentlich auf die Fresse gefallen.

Just give me some space…

Als Person, die von Diskriminierung betroffen ist, bin ich froh, Verbündete an meiner Seite zu haben.
Diese Verbündeten zeichnet aus, dass sie ein gesellschaftliches Privileg haben, welches die betroffene Person nicht hat. In meinem Fall bedeutet dies, dass meine Verbündeten CisMenschen sind, die sich für (Inter- und) TransPersonen einsetzen möchten, jedoch lässt sich das Prinzip auch auf andere Formen von Diskriminierung anwenden.
Doch eine*n gute*n Verbündete*n macht noch viel mehr aus:
(hier meine Vorstellungen eines*einer idealen Verbündeten)
Weiterlesen „Just give me some space…“

Queer_Suizid

Selbstmordgedanken haben oder gehabt haben gehört für viele queere Menschen zu ihrem Leben dazu.
Ich selbst schließe mich da nicht aus.
2013 konnte ich die Straßenüberführung in meinem Viertel nicht überqueren, ohne mir vorzustellen, über’s Geländer zu klettern und weit unten zwischen den fahrenden Autos inmitten der Fahrspur aufzuschlagen.
Mein Umfeld, dominiert von Schule, leiblicher Familie und Leuten, die mir auf der Straße feindliche Blicke zuwarfen, indoktrinierte mich, das Missgebildete zu beseitigen.
Und ich glaubte, was mir vermittelt wurde, auch wenn sich ein Funken Widerstand in mir regte, welcher mich letztendlich am Leben hielt. Und ich glaubte, dass ich die Schmerzen niemals würde ertragen können. Und ich glaubte, dass ein Riss durch mich durch ging, der niemals gekittet werden könnte. Und ich glaubte, dass ich allein sei und dass ich unfähig sei, mich aus dieser Situation zu befreien.
Ich weine immer noch.
Gestern erfuhr ich von einem TransJugendlichen, der sich das Leben genommen hat. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich wieder einmal mit dem Thema konfrontiert werden würde.
Die Endgültigkeit dessen ist das, was mir am meisten Angst macht.

R. I. P.
Rest in Power

Warum Erkältungen toll sind

Heute ist wieder so ein Tag.
Ich verlasse das Bett so gut wie nicht und schwitze vom vielen Tee trinken. Gewöhnlich umschreibe ich solche Tage mit „Zeit für mich“ oder „Zeit zum Nachdenken“, doch in meinem Fall sind das nur Euphemismen für’s faulenzen und/oder krank sein, obwohl es genügend zu tun gäbe.
Meine To-Do Liste scheint immer länger zu werden, doch das ist mir gerade egal.
Vor etwa einer halben Stunde ist mir aufgefallen, dass mein Vorrat an Taschentüchern zur Neige geht und ich bald auf Toilettenpapier zurückgreifen muss. Immerhin habe ich davon genug.
Wie immer, wenn ich erkältet bin, tränen meine Augen, was echt nervig ist, weil ich gefühlt alle paar Minuten meine Brille abnehmen, und mir durchs Gesicht wischen muss, um wieder klar zu sehen.
Der Körper ist überempfindlich, die Nase triefend und gerötet und auf meinen Ohren liegt ein leichter Druck, so als wären auch sie verstopft. Außerdem tut es ein bisschen weh, wenn ich schlucke, da auch mein Hals nicht verschont geblieben ist.
Doch ich mag meine Stimme, wenn sie heiser ist und könnte stundenlang Selbstgespräche führen, um diese tiefere Stimmlage zu hören, die meinem Empfinden nach viel besser zu mir passt, als die hohe, quäkende, schrille, „weibliche“ Stimme, die ich normalerweise habe.
Und deshalb sind Erkältungen toll. 🙂

Zugfahrt

Wir sitzen im Zug und haben unendlich viel Zeit zum Reden.
„Ich liebe solche Fahrten.“
„Ich auch.“

Ich sitze am Fenster und betrachte den Fluss, an dem wir vorbeirauschen.
„Wir sollten reden. Du weißt, es ist dringend.“
Ich schweige, denn ich weiß keinen guten Anfang. Vielleicht sollte ich mich entschuldigen, dafür, dass ich nie richtig Zeit habe.
„Du entfremdest dich von mir. Manchmal denke ich, wir haben gar nichts mehr gemein miteinander.“
„Es tut mir Leid, dass ich nie Zeit habe. Es passiert gerade so viel und ich will alles, was mir guttut, festhalten, verstehst du?“
„Du schiebst mich weg. Du würdest mich am liebsten auslöschen.“
Ich schäme mich, weil es irgendwie stimmt. Dabei meine ich es nicht böse.
„Du fälschst es so, wie es dir passt. Du bewertest mich schlecht.“
„I…Ich weiß. Und ich merke das ja selbst. Die Umstände zwingen mich dazu.“
„Es gefällt dir.“
Ertappt beiße ich mir auf die Unterlippe: Ja, es gefällt mir. Irgendwie. Es sind nicht nur die Umstände.
„Ich musste dich verlieren, um mich zu finden.“
Es gibt nicht nur das ‚danach‘, du wirst mich niemals ganz los.“
„Was willst du mit diesem Gespräch bezwecken? Soll ich in der Vergangenheit leben? Willst du, dass ich zu dem unglücklichem Kind werde, das ich einmal war? Das kannst du nicht wollen.“
Ich will, dass du korrekt wiedergibst, was passiert ist und dir deine Geschichte nicht zurechtbiegst wie es dir gerade passt.“
Ich mache einen auf beleidigt.
„Außerdem… Manchmal gefällt mir nicht, wie du dich nach außen hin darstellst.“
„Aber mir gefällt es. Ich werde das nicht ändern. Ich kann nicht. Und du bist egoistisch und willst mich nicht verstehen.“
Wir sind an jenem Punkt angelangt, bei dem wir uns im Kreis drehen.
„Ich habe großen Respekt vor dir. Aber ich kann nicht mit dir leben.“
„Es wird Zeit, dass wir uns endgültig voneinander trennen.“
„Es wird Zeit, den Schlussstrich zu akzeptieren.“
Ich versuche, die Person neben mir anzusehen. Doch ich kann mich nicht mit diesem Menschen identifizieren. Es ist das letzte Mal, dass wir einander ansehen.

 

Ich kenne jemanden… I

Ich kenne jemanden, der sich selber gerne als Opfer sieht und anderen vorwirft, sie hätten sich ihm gegenüber übergriffig und respektlos verhalten.
Zum Teil kann ich das nachvollziehen, denn aufgrund seiner Erscheinung (großer, weißer CisMann mit breiten Schultern) werden ihm oftmals Eigenschaften und Absichten zugeschrieben, die ihm gar nicht zu eigen sind. Ich denke, es verletzt ihn, denn er will um keinen Preis als Macker gesehen/gelesen werden und er hat oft das Gefühl, sich verteidigen zu müssen, da er über jene Privilegien verfügt. Außerdem kam es aufgrund dessen, das Leute ihm Eigenschaften zugeschrieben haben, schon zu Missverständnissen und zwischenmenschlichen Konflikten, die nicht aufgelöst wurden. Kurzum: Er hat eine Abneigung dagegen, dass Menschen ihn aufgrund dessen, dass er cismännlich ist (meistens geht es um eben diese Eigenschaft) automatisch als „Täter“ ansehen.
In der Hinsicht kann ich ihn verstehen. Ich zweifle auch nicht daran, dass es Situationen gab, in denen andere ihn zu Unrecht als Macker bezeichnet haben. Ich kenne Begebenheiten, da reden Menschen aneinander vorbei, schaukeln sich hoch und fühlen sich hinterher schlecht dabei. Je nach dem, wie mensch geprägt ist, sucht und findet man unterschiedliche Gründe dafür, warum gewisse Dinge abgelaufen sind wie sie nun mal abgelaufen sind.
Es ist nun aber auch so, dass jener CisMann, von dem ich schreibe, zwar nicht immer Täter ist, manchmal aber schon. Und dann sträubt er sich dagegen, dies einzusehen und Kritik anzuerkennen und zu verinnerlichen, um sein Verhalten zu ändern.
Seine Taktik ist es, nach Ausreden zu suchen. Oft führt er dann an, er sei „Opfer seiner männlichen Sozialisierung“. Und ja, auch das stimmt natürlich. Jede*r ist Opfer seiner*ihrer Sozialisierung. Wie wir erzogen werden (als männlich oder weiblich z.B.) bestimmt ein Stück weit, wie wir die Welt sehen und nimmt Einfluss auf unser Verhalten. (Verhaltensweisen, die wir erlernt und tief ins Gedächtnis eingespeichert haben, werden abgerufen und umgesetzt.)
Trotzdem ist dies keine Entschuldigung für unreflektiertes Verhalten. Denn wenn erkannt wird, dass eine bestimmte Handlungsweise an-sozialisiert ist, kann man sich bewusst dazu entscheiden, anders, selbstkritischer, reflektierter und bedachter zu handeln. Insbesondere dann, wenn andere Personen einen darauf aufmerksam machen. Sozialisation lässt sich nicht rückgängig machen, doch man kann den Verstand gebrauchen, um sich zumindest ein Stück weit davon zu lösen.
Ich weiß, dass das anstrengend ist. Es ist ein Prozess. Jeden Tag. Und man darf nie damit aufhören. Das schluckt Energie.
Es nervt mich, dass dieser CisMann, von dem ich schreibe, so kritikunfähig ist und sich lieber hinter einer Opferrolle versteckt, anstatt anzuerkennen, dass er auch Täter ist, dass er Privilegien hat, dass er manchmal Sexismus reproduziert und mir gegenüber transphob ist.
Ein „ich bin darauf eben nicht so fokussiert“ ist kein Argument, ist nicht mal eine besonders gute Ausrede. Logisch, dass man auf bestimmte Sachen stärker fokussiert ist, doch das heißt nicht, dass es nicht nötig wäre, mal über den eigenen Tellerrand zu schauen und andere Perspektiven, andere Themen miteinzubeziehen.
Ein Widerspruch jener Person: Er sieht sich als Opfer, weil ihm stereotype-cismännliche Eigenschaften und/oder Absichten zugeschrieben werden und rechtfertigt sich in konkreten Situationen damit, dass ihm stereotype-cismännliche Eigenschaften zu eigen sind, die ihm an-sozialisiert wurden und die er nicht ablegen kann. „Nur weil ich ein CisMann bin, heißt das nicht, dass ich dem Klischee entspreche, also wälz‘ deine Vorurteile nicht auf mich ab.“ VS. „Ich kann nichts dafür, dass ich den Klischees entspreche, das wurde mir an-sozialisiert.“